Ganz großes Kino

Meine Eltern schenkten mir zum Geburtstag eine Eintrittskarte für die Aufführung von Jules Massenets "Werther" mit Jonas Kaufmann als Werther und Sophie Koch als Charlotte in der Metropolitan Opera. Genauer gesagt, für die Live-Übertragung bei uns im Kino, die ich am letzten Samstag genießen durfte.

 

Die meisten von euch werden Goethes "Die Leiden des jungen Werther" kennen. Jules Massenet ist es gelungen, diesen Stoff in eine wunderschöne Oper zu transferieren.

 

An Weihnachten stirbt Charlottes Mutter. Noch im Sterben nimmt sie Charlotte das Versprechen ab, dass sie Albert heiratet und dass sie sich um ihre jüngeren Geschwister kümmert. Albert allerding ist oft verreist, so dass Charlotte (die sonst nie ausgeht) mit Werther, der unsterblich in sie verliebt ist, zum Sommerball geht. In der Zwischenzeit kommt Albert (gesungen von dem wunderbaren David Bizic) überraschend nach Hause. Werther wirbt um Charlotte. Diese erzählt ihm aber, dass sie ihrer Mutter versprochen hat, Albert zu heiraten, woraufhin Werther sie ermutigt, ihr Versprechen zu halten.

 

Im Herbst feiert der Pastor seine Goldene Hochzeit. Die halbe Stadt ist versammelt. So auch Charlotte und Albert, Werther, Charlottes immer fröhliche und optimistische Schwester Sophie (Lisette Oropesa)... Zwischen ihnen allen gibt es immer wieder Gespräche. Werther wirbt wieder um Charlotte, Albert versucht ein freundschaftliches Gespräch unter Männern, Sophie möchte Charlotte gern aufmuntern. Charlotte bittet Werther zu gehen. Sie schlägt Weihnachten für seine Rückkehr vor. Er fügt noch ein "oder nie" an - ein erster Hinweis auf seine Todessehnsucht. Schlussendlich ist Werther allein und Albert erkennt an der Körpersprache Werthers, dass dieser Charlotte liebt. Als dann Sophie versucht, Werther zu ermuntern und als ihren Führer beim Menuett zu bestellen, entflieht er.

 

Weihnachten. Albert ist mal wieder unterwegs. Charlotte ist allein zu Haus und liest in Werthers Briefen, als dieser plötzlich in der Tür steht. Um Werther von ihr abzulenken, bittet sie ihn, eines der Gedichte vorzulesen, die er vor längerer Zeit zu übersetzen begann. Charlotte widersteht Werthers anhaltendem Werben und kann sich ihm entwinden. Grad als Werther gegangen ist, kommt Albert und findet eine völlig derangierte Charlotte vor. Kurz darauf trifft eine Nachricht Werthers ein. Er bittet Albert um seine Pistolen. Albert gibt Charlotte die Pistolen, damit diese einen Diener damit zu Werther schickt.

 

Werther erhält die Pistolen und ist hin und her gerissen. Letztlich schießt er sich in die Brust und bricht zusammen. So findet ihn Charlotte. Während Werther in ihren Armen stirbt, gesteht sie ihm endlich ihre Liebe.

 

Im Gegensatz zu den oppulenten italienischen Opern mit ihren großen Gesten und gewaltigen Arien kommt Werther mit  kleinen Gesten und leisen Tönen aus. Hier ist es das Spiel der Worte, das den Zuschauer fasziniert. So vergleicht Werther Charlotte mit dem Frühling. Und eine kleine Bewegung seiner Hand lässt seine Verzweiflung spürbar werden, als er erkennt, dass Charlotte ihn zwar ebenfalls liebt, aber dennoch Albert treu bleibt. Auch die Sterbeszene ist authentisch dargestellt. Ich habe von Berufs wegen schon etliche Menschen sterben sehen. So wie Richard Eye seinen Werther sterben lässt, ist es absolut realistisch (nicht wie in manchen Filmen, wo sich der Sterbende an die Brust greift und dann plötzlich der Kopf zur theatralisch zur Seit kippt).

 

Mein Kompliment gilt zuallererst Richard Eyre, dem eine wunderbare Inszenierung gelungen ist. Des Weiteren habe ich selten so ein wunderbares, wohl durchdachtes Bühnenbild gesehen. Es wurde Filmtechnik eingesetzt, die auf dem durchsichtigen Vorhang die waldreiche Umgebung jahreszeitgetreu aufleben ließ, während dahinter bereits die Vorgeschichte der nächsten Szene erzählt wurde.

In den Umbaupausen gab es für die Zuschauer im Kino einen Kameraschwenk hinter die Kulissen. Wahnsinn, wie viele Leute da mit anfassen, damit der Umbau reibungslos und schnell abläuft.

Die gesangliche Leistung aller beteiligten (auch der Nebenrollen) war bewundernswert. Hinzu kommt auch die schauspielerische Leistung. In der Oper reicht es nicht einfach nur zu singen, man muss das Gesungene auch spielen. Dieses gelingt allen Darstellern - auch den Nebenrollen - hervorragend.

 

In der Pause gab es Interviews mit den Darstellern, mit dem Dirigenten, mit dem Produzenten ...

 

Wie die Überschrift schon sagt: Ganz großes Kino!

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